Logo newsbern.ch

Regional

«Sich selbst Fragen zu stellen ist ein Anfang zu einer ehrlichen Solidarität»

  • «Sich selbst Fragen zu stellen ist ein Anfang zu einer ehrlichen Solidarität»
    «Sich selbst Fragen zu stellen ist ein Anfang zu einer ehrlichen Solidarität» (Bild: Stadt Bern)
2022-03-21 10:05:04
newsbot by content-proivder.ch GmbH
Quelle: Stadt Bern

Die 12. Ausgabe der Aktionswoche dreht sich um strukturellen Rassismus, wie die Stadt Bern schildert.

Wie wir strukturellen Rassismus erkennen und brechen – ein Interview mit Mardoché Kabengele.Die Aktionswoche gegen Rassismus der Stadt Bern sei zurück. Zwischen dem 19. und dem 26. März finden mehr als 40 Veranstaltungen für Erwachsene und Kinder statt.

Die 12. Aktionswoche dreht sich um strukturellen Rassismus. Dieser strukturelle Rassismus steckt unhinterfragt in Entscheidungsabläufen und Organisationsstrukturen, wirkt sich auf das Leben vieler Berner*innen aus.

Mardoché Kabengele (27) sei eines der Gesichter des diesjährigen Kampagnenvideos. In der MAZ spricht der städtische Mitarbeiter darüber, warum wir dringend die Berner Kolonialgeschichte aufarbeiten müssen, wie die Stadt bei der Bekämpfung von strukturellem Rassismus dasteht und was er sich von der Politik wünscht.Die Aktionswoche sei ein grossartiges Tool der Stadtverwaltung, um eine transparente, respektvolle und angstfreie Grundsatzdebatte zu führen.

Betroffene und Nichtbetroffene können kritische Fragen diskutieren und in einen grösseren Zusammenhang stellen. Die jährlich steigende Anzahl von Teilnehmenden zeigt, wie sehr das Interesse gewachsen ist, sich mit Rassismus in unserer Gesellschaft auseinanderzusetzen und sich aktiv dagegen einzusetzen.

Wir bewegen uns in die richtige Richtung.Die 12. Ausgabe der Aktionswoche dreht sich um strukturellen Rassismus. Wie erkennen wir diesen?Meist genügen ein vertiefter, aussenstehender Blick und eine kritische Fragestellung, um strukturellen Rassismus zu erkennen.

Es gibt viele Alltagsituationen, in denen struktureller Rassismus sehr spürbar ist. Zum Beispiel im Bildungssystem: Veraltete Schulpraxen oder Empfehlungen führen dazu, dass Kinder mit Migrationshintergrund trotz guter schulischer Leistungen nicht gefördert werden.

Oder Arbeitnehmende stellen sich beim Durchgehen von Bewerbungen unausgesprochen die Frage, welche Person optisch und biografisch besser in das bestehende Team passen würde. Ein weiteres Beispiel ist, wenn am Ausbildungs- oder Arbeitsplatz Personen aufgrund ihres äusseren Erscheinungsbilds – weil sie ein Kopftuch oder andere religiöse Symbole tragen – Gefahr laufen, angefeindet zu werden.

Oder wenn mehrheitlich migrantische Mitarbeitende Berufe im Tieflohnsegment ausüben, wobei diese in den oberen Lohnsegmenten nicht oder kaum vertreten sind. Diskriminierendes Gedankengut fliesst sogar in die Gesetze ein.

Da wären zum Beispiel die Schwarzenbach-Initiative aus den 70er-Jahren, die Masseneinwanderungsinitiative von 2014 oder die Burka-Initiative vom letzten Jahr. Solche restriktiven Politiken tangieren Menschen in der Schweiz und schliessen sie aus.Beim strukturellen Rassismus geht es nicht um einen Austausch zwischen zwei Menschen oder Gruppen, sondern um diskriminierende und vorurteilsbehaftete Strukturen und Entscheidungsabläufe.

Es handelt sich um Routinen, bewusste oder unbewusste Handlungen und Reflexe. Diese seien beispielsweise so ausgestaltet, dass schwarze Menschen häufiger kontrolliert werden als weisse oder Menschen, die als Ausländer*innen wahrgenommen werden, es schwerer haben, eine Wohnung oder Arbeit zu finden als Einheimische.Es gibt keine einfachen Handlungsanweisungen, sondern nur einen reflektierten Sensibilisierungsprozess.

Aktuell leben wir in einer polarisierenden und herausfordernden Zeit, in der die Menschen von sehr unterschiedlichen Meinungen und Vorstellungen geprägt sind. Diese Meinungen und Vorstellungen schlagen sich in ihren Handlungen nieder.

Ich befürchte, dass kein reflektierter Sensibilisierungsprozess angestossen werden kann, wenn wir nicht die Berner (Kolonial-)Geschichte aufarbeiten und hiesige Narrative und Mythen hinterfragen.Bald feiere ich mein 10-jähriges Jubiläum als Mitarbeiter! Ich schätze es sehr, in der Stadtverwaltung meine Lehre absolviert zu haben und erinnere mich gern an meine Ausbildungszeit. Ich bin noch heute beeindruckt, wie stark sich die Stadtverwaltung für einen barrierefreien Zugang für Lernende of Colour, mit Behinderung, mit einer chronischen Erkrankung, unterschiedlicher Religionen und sexueller Orientierung einsetzt.

So trägt die Stadt Bern zum Abbau von struktureller Diskriminierung bei. Die Stadtverwaltung macht sehr vieles sehr lange schon gut und zeigt ein hohes Engagement, sich mit verschiedenen Themen auseinanderzusetzen.

Ich wünsche mir, dass die geförderte Teilhabe nicht nur in der Lehrausbildung, sondern in diesem Umfang in weiteren Ämtern aktiv gelebt wird. Jede Person sollte nicht nur eine Chance, sondern die gleichen Perspektiven erhalten, um sich beruflich und persönlich weiterzuentwickeln und ihr volles Potenzial auszuschöpfen.Rund die Hälfte der Schweizer Bevölkerung habe durch ihre Familiengeschichte Migrationserfahrungen erlebt.

Ich erinnere mich gut, wie es während meiner Schulzeit oft geheissen hat: Ich bin halb von «hier» und halb von «anderswo» (z.B. Italien, Portugal, Spanien, Frankreich, Bosnien).

Das sei unsere Realität: Mehrfachzugehörigkeit sei in der Schweiz schon lange ein Thema. Ich denke, dass das Prinzip von mehr als einer Heimatszugehörigkeit offener gelebt und akzeptiert werden sollte.

Ich wünsche mir, dass die Gesellschaft das als soziokulturellen, politischen und wirtschaftlichen Mehrwert anerkennt und das interkulturelle Vermittlungspotenzial fördert. Denn Migration sei kein leichter und banaler Entscheid – sondern hängt meist mit einem bestehenden Existenz-Verlust zusammen.Leider sei es heute so, dass ein Viertel der Schweizer Wohnbevölkerung kein Stimm- und Wahlrecht besitzt.

Das sehe ich als Demokratiedefizit an. Ich wünsche mir von der Politik, dass Menschen, die in der Schweiz leben und ihr Zuhause hier haben, sich aktiv an den sozialpolitischen und wirtschaftlichen Entwicklungsprozessen der Schweiz beteiligen können.

Diese Prozesse betreffen alle in der Schweiz wohnhaften Personen. Mit ihrem Wissen und ihren Erfahrungen können Menschen mit Migrationsbiografie einen wichtigen Beitrag zu einem gerechteren, solidarischen Zusammenleben in Bern, aber auch in der gesamten Schweiz leisten.

Des Weiteren wünsche ich mir, dass alle geflüchteten Menschen, egal aus welchem Land sie stammen und egal welche Aufenthaltsbewilligung sie in diesem Land haben, in der Schweiz einen Schutzstatus S erhalten. Asyl- und Schutzsuchende haben kein spezifisches Aussehen – auch wenn die Politik mit solchen Bildern arbeitet, könne es uns alle treffen. Diesen Status gibt es seit gut 22 Jahren und hätte in weiteren Kriegs- und Fluchtsituationen Leid, Kriminalisierung, Barrieren und Repression ersparen können.

Auf die Frage «Warum erst jetzt» erhoffe ich mir von der Politik eine ehrliche Antwort. Es seien viele Wünsche, aber wenn nur einer davon in Erfüllung geht, rücken wir schon einen Schritt näher aneinander.Mein Wunsch ist, dass Mitarbeiter*innen in Führungs- und Entscheidungspositionen verstärkt Migration als Ressource wahrnehmen und die Stadt eine Kultur des Anerkennens anstrebt und lebt. Ich denke, dass alle Arbeitgeber*innen, nicht nur die Stadtverwaltung, sich vertieft mit der Thematik der diskriminierungsfreien Teilhabe auseinandersetzen sollten.

Nebst punktuellen Massnahmen sollten zusammenhängende und nachhaltige Prozesse zusammen gedacht werden. Das braucht jeweils viel Zeit und viele Gedanken – aber das Resultat wäre sicher eine breite, intersektionale Zustimmung von allen Arbeitnehmenden.Während einer Woche finden rund 40 verschiedene Veranstaltungen statt.

Welche drei sollte man sich nicht entgehen lassen?Für Bildungskräfte und Schulleitungen empfehle ich den Workshop von baba news zu «Unconscious Bias» im Schulalltag und von VoCHabular die Veranstaltung: «Antidiskriminierendes Deutsch lehren und lernen». Viele Schülerinnen und Schüler müssen zu Hause für ihre Eltern hochkomplexe Lehrer*innenbriefe übersetzen, wobei sie so schneller erwachsen werden, als es nötig wäre.Menschen, die sich für Intersektionalität und Queerness interessieren und Personen, denen die Stonewall Riots sowie die Aktivistin Marsha P.

Johnson noch kein Begriff sind, empfehle ich zutiefst die Lesung des Café Revolution Schwarz: Queeres Storytelling und einen Workshop zur Weissen Vorherrschaft in LGBT+-Organisationen.Und zuletzt das «Hack the Museum» vom Berner Rassismus Stammtisch am Freitag, 25. März, an der Moserstrasse 30 im Breitsch. Sie befassen sich mit der Rolle der Museen in der Reproduktion von Kolonialbildern und wie diese aufgebrochen werden können..

Suche nach Stichworten:

Bern «Sich ehrlichen Solidarität»