Wissenschaft
Die amerikanische Zollpolitik betrifft die Schweiz so stark, wie nur wenig andere Länder. Doch können Zölle ein Handelsdefizit überhaupt schliessen, und welcher Zollsatz wäre aus Sicht des Landes, das ihn erhebt, «optimal»? Oleg Itskhoki, Professor an der Harvard University und einer der einflussreichsten Ökonomen unter 45 Jahren, gibt am 22. Oktober 2026 um 18 Uhr an der Universität Bern eine mögliche Antwort auf diese Frage und einen Einblick in seine Forschung zur globalen Zollpolitik. Eingeladen wurde er vom Volkswirtschaftlichen Institut der Universität Bern.(Feed generated with FetchRSS)
Die amerikanische Zollpolitik betrifft die Schweiz so stark, wie nur wenig andere Länder. Doch können Zölle ein Handelsdefizit überhaupt schliessen, und welcher Zollsatz wäre aus Sicht des Landes, das ihn erhebt, «optimal»? Oleg Itskhoki, Professor an der Harvard University und einer der einflussreichsten Ökonomen unter 45 Jahren, gibt am 22. Oktober 2026 um 18 Uhr an der Universität Bern eine mögliche Antwort auf diese Frage und einen Einblick in seine Forschung zur globalen Zollpolitik. Eingeladen wurde er vom Volkswirtschaftlichen Institut der Universität Bern.Seit 2025 haben die USA ihre Importzölle massiv erhöht. Das erklärte Ziel ist es, das seit langer Zeit bestehende Handelsdefizit der USA zu verringern. Die Schweiz hat diese Politik unmittelbar zu spüren bekommen: Im Sommer 2025 erhoben die USA auf Schweizer Exporte einen Zollsatz von 39 Prozent. Es folgten tiefere, aber weiterhin erhebliche Zusatzzölle und schwierige Verhandlungen über ein Handelsabkommen.Für die exportorientierte Schweizer Wirtschaft stellt sich damit eine grundlegende Frage: Funktionieren Zölle überhaupt so, wie ihre Befürworterinnen und Befürworter behaupten? Antworten liefert einer der weltweit führenden Ökonomen auf diesem Gebiet. Das Volkswirtschaftliche Institut der Universität Bern lädt am 22. Oktober 2026 Oleg Itskhoki, Slusky Family Professor of Economics an der Harvard University, zum öffentlichen Vortrag «Zölle, Handelsdefizite und der Dollar: Warum die globale Finanzwirtschaft Handelskriege zähmt» ein. Er stellt darin neue Forschungsergebnisse vor, die er gemeinsam mit Dmitry Mukhin (London School of Economics) erarbeitet hat. «Die Zolldebatte wird meist so geführt, als ginge es nur um Güterströme. Oleg Itskhoki zeigt, dass das Vermögen, welches ein Land im Ausland hält oder dem Ausland schuldet, ebenso wichtig ist. Für die Schweiz als eines der grössten Gläubigerländer der Welt ist das eine zentrale Erkenntnis», sagt Prof. Blaise Melly, Direktor des Volkswirtschaftlichen Instituts der Universität Bern.Eine zentrale Erkenntnis der Studie: Ob Zölle einem Land nützen, hängt nicht nur davon ab, wie viel es importiert und exportiert, sondern auch davon, wieviel das Land im Ausland besitzt und wieviel es dem Ausland schuldet. Ein Importzoll verteuert nämlich nicht nur ausländische Waren, er lässt auch die eigene Währung real aufwerten. Für ein Land wie die USA, das dem Rest der Welt gewaltige Summen in Dollar schuldet, hat das eine unangenehme Nebenwirkung: Die Auslandsschulden werden im Vergleich zum Auslandsvermögen, welches in Euro, Franken oder Yen gehalten wird, grösser. Damit fliesst ein Teil des Wohlstands an das Ausland ab. Somit verbessert sich zwar gegebenenfalls langfristig die Handelsbilanz aber das Land wird insgesamt ärmer, nicht reicher.Die Folge für die Zollpolitik ist deutlich: Der aus Sicht der USA «optimale» Zoll, der die eigenen Vorteile maximiert, fällt gemäss den Berechnungen von Itskhoki und Mukhin deutlich niedriger aus, wenn die hohen Dollarschulden der USA berücksichtigt werden. Für die Schweiz ist diese Erkenntnis nicht nur deswegen relevant, weil demnach auch die USA selbst kein Interesse an derart hohen Zöllen haben sollten. Die Studie zeigt zudem, dass Handelspartner der USA teilweise gegen einen Handelskrieg abgesichert sind, sofern sie US-Vermögen halten: Eine Aufwertung des Dollars kann den Wert dieser Anlagen in der jeweiligen Landeswährung erhöhen. Das dürfte auch für die Schweiz gelten, die etwa über die Nationalbank und die Pensionskassen erhebliche Dollaranlagen hält.Oleg Itskhoki gehört zu den weltweit führenden Ökonomen. Nach Professuren an der Princeton University und an der University of California, Los Angeles, lehrt und forscht er seit 2024 an der Harvard University. Er ist Fellow der Econometric Society, Research Associate am National Bureau of Economic Research und Mitherausgeber der American Economic Review. 2022 erhielt er die John Bates Clark Medal der American Economic Association. Diese Auszeichnung ist nach dem Nobelpreis die wohl renommierteste Auszeichnung in den Wirtschaftswissenschaften und wird jährlich an die bedeutendste Ökonomin oder den bedeutendsten Ökonomen unter vierzig Jahren vergeben. Zahlreiche frühere Preisträgerinnen und Preisträger wurden später mit dem Nobelpreis ausgezeichnet.Der Vortrag richtet sich an ein breites Publikum und wird von einer Diskussion begleitet. Er gibt Einblick in die Frage, wie Handelspolitik, Wechselkurse und internationale Finanzmärkte zusammenhängen – und was das für eine kleine offene Volkswirtschaft wie jene der Schweiz bedeutet.Der Referent steht für Interviews zur Verfügung am Donnerstag, 22. Oktober 2026 von 16:00 – 17:30 Uhr. Interviewanfragen bitte via E-mail an: manuela.soltermann@unibe.ch