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Wissenschaft

Dorothy Thompson und der Anfang der Diktatur

Am Institut für Germanistik der Universität Bern werden die Schriften der US-amerikanischen Journalistin Dorothy Thompson erforscht und herausgegeben. Nach dem Interviewbuch «Ich traf Hitler!» (1932) und den Reportagen aus Deutschland von 1931–1932, Das Ende der Demokratie, erscheinen nun ihre Reportagen von 1933–1934, Der Anfang der Diktatur.(Feed generated with FetchRSS)

  • Dorothy Thompson und der Anfang der Diktatur
    Dorothy Thompson und der Anfang der Diktatur (Bild: Universität Bern)
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    Dorothy Thompson und der Anfang der Diktatur (Bild: Universität Bern)
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    Dorothy Thompson und der Anfang der Diktatur (Bild: Universität Bern)
2026-11-04 09:25:02
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Quelle: Universität Bern

Am Institut für Germanistik der Universität Bern werden die Schriften der US-amerikanischen Journalistin Dorothy Thompson erforscht und herausgegeben. Nach dem Interviewbuch «Ich traf Hitler!» (1932) und den Reportagen aus Deutschland von 1931–1932, Das Ende der Demokratie, erscheinen nun ihre Reportagen von 1933–1934, Der Anfang der Diktatur.Als erste Frau war die Journalistin Dorothy Thompson (1893–1961) leitende Korrespondentin in Wien und Berlin. Dort gelang es ihr 1931, ein Interview mit Adolf Hitler zu führen. Wegen ihrer kritischen Berichterstattung wurde sie 1934 von den Nationalsozialisten aus Deutschland ausgewiesen.Thompsons Reportagen der Jahre 1931 bis 1934 werden an der Universität Bern im Rahmen eines Forschungsprojekts unter der Leitung von Oliver Lubrich, Professor für Komparatistik am Institut für Germanistik, erschlossen und veröffentlicht. Das Projekt macht internationale Zeugnisse aus dem nationalsozialistischen Deutschland der Öffentlichkeit zugänglich. Lubrich hat als Herausgeber eine Reihe bedeutender Tagebücher, Berichte und Erzählungen veröffentlicht, darunter Texte von John F. Kennedy, W. E. B. Du Bois, Thomas Wolfe, Marcel Jouhandeau und zuletzt Samuel Becketts German Diaries. Thompsons Werke werden von Lubrich im Wiener Verlag Das vergessene Buch herausgegeben und kommentiert. 2023 erschien Thompsons Interview-Buch «Ich traf Hitler!» (1932) zum ersten Mal vollständig in deutscher Sprache, 2025 und 2026 folgten, jeweils zum ersten Mal überhaupt, die Reportage-Sammlungen Das Ende der Demokratie (1931–1932) und nunmehr Der Anfang der Diktatur (1933–1934).Nach ihrer Ausweisung aus Deutschland im Jahr 1934 wurde Thompson in den USA schlagartig berühmt. Das Time Magazine widmete ihr eine Titelgeschichte und erklärte sie – neben der Gattin des Präsidenten – zur einflussreichsten Frau in den USA. Während des Krieges wandte sie sich im Radio auf Deutsch an Hörerinnen und Hörer in Europa. In dem Film Woman of the Year (1942) spielt Katharine Hepburn eine Journalistin nach ihrem Vorbild. Verheiratet war Dorothy Thompson mit Sinclair Lewis (1885−1951), dem ersten US-amerikanischen Nobelpreisträger für Literatur, der in seinem Roman It Can’t Happen Here (1935, Das ist bei uns nicht möglich) die Machtübernahme eines Rechtspopulisten in den USA schilderte.Der dritte Band der Trilogie, Der Anfang der Diktatur, versammelt Dorothy Thompsons Reportage-Essays von 1933 und 1934 aus dem US-amerikanischen Magazin Saturday Evening Post sowie aus dem Jewish Daily Bulletin. In ihnen beschreibt die Autorin eine Gesellschaft, die innerhalb kurzer Zeit totalitär umgebaut wird. Indem sie Hitler wählten, stellt die Beobachterin fest, wählten die Deutschen die Diktatur, die Judenverfolgung und den Krieg. Entsprechend fügten sich viele in die ‹Gleichschaltung› wichtiger Lebensbereiche.Lubrich sagt: «Dorothy Thompson dokumentiert, wie die neue Regierung das Land systematisch veränderte, indem sie mit einer Welle der Gewalt jeden Widerstand brach.» Als irreguläre Miliz führte die SA Razzien durch und verschleppte «unerwünschte Ausländer», zu denen man jüdische Deutsche erklärte. Thompson sprach mit Opfern des Terrors, mit Angehörigen und Ärzten, mit jüdischen Kindern, die in der Schule gedemütigt wurden, und mit deren Eltern. Einen Vertreter des Innenministeriums fragte sie, wie sich die Verfolgung der Juden zur geltenden Rechtsordnung verhielt. «Bereits 1934», betont Lubrich, «stellte Dorothy Thompson fest: ‹Das Ziel ist, die Juden auszulöschen›.»«In ihren Reportagen beschreibt Thompson die Militarisierung des öffentlichen Raums und die Verfolgung von Minderheiten, die Einschüchterung von Journalistinnen und Journalisten und den Einsatz neuer Medien,» so Lubrich. Ebenso thematisiert sie die Verbreitung von Falschmeldungen und die Manipulation von Wahlen sowie den Personenkult um den Autokraten und seinen Appell an eine frustrierte Männlichkeit. Viele Menschen fühlten sich überfordert von der Bürokratisierung und den Komplexitäten des modernen Lebens, bemerkte Dorothy Thompson, daher verfielen sie auf einfache Verschwörungserzählungen. «Der Wahrheit auf den Grund zu gehen», schrieb die Autorin, «erfordert viel mehr intellektuelle Anstrengung, als eine Lüge zu glauben.»«Dorothy Thompsons Berichte wären vor einigen Jahren noch historisch gewesen. Heute sind sie aktuell. Dabei sind die Unterschiede ebenso aufschlussreich wie die Parallelen zwischen Geschichte und Gegenwart», sagt Lubrich abschliessend.– «Ich traf Hitler», 272 Seiten, 2023. – Das Ende der Demokratie. Reportagen aus Deutschland 1931–1932, 424 Seiten, 2025. – Der Anfang der Diktatur. Reportagen aus Deutschland 1933–1934, 448 Seiten, 2026. Herausgegeben von Oliver Lubrich, übersetzt von Johanna von Koppenfels, veröffentlicht im Verlag Das vergessene Buch, Wien. Buchvorstellung  Datum: Montag, 9. November 2026 um 18:30 Uhr Ort: Karl-Renner-Institut, Karl-Popper-Straße 8, A-1100 WienDie Germanistik in Bern wurde 1885 gegründet und ist eines der ältesten Institute für Sprach- und Literaturwissenschaft in der Schweiz. Rund 450 Studierende studieren in BA- und MA-Studiengängen. Insgesamt sind rund 70 Mitarbeitende in Forschung und Lehre tätig. Zu den bekanntesten Studierenden zählen der deutsche Literaturtheoretiker Walter Benjamin (1892–1940) und der britische Schriftsteller John le Carré (1931–2020) sowie aus dem Kanton Bern, ausgezeichnet mit dem Deutschen Buchpreis, Kim de l’Horizon (* 1992). Mehr Informationen



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